Meiers Gegenwelt

Der Tag hatte noch gar nicht richtig angefangen, als Hammerschmidt-Wandenga von einem quäkenden Saxophon aus dem Schlaf gerissen wurde. Durch das offene Fenster sprudelte bunter Jazz und versetzte das Zimmer in Schwingungen, dass ihm die Ohren klingelten.

Hammerschmidt-Wandenga überlegte, wie dies mit der Riesenspinne zusammenhing, die ihn hatte aussaugen wollen. Noch ganz benommen wankte er zum Fenster und steckte seinen Kopf hinaus.

Der Innenhof dröhnte. Woher die Musik eigentlich kam, war nicht genau auszumachen. Aber im gegenüberliegenden Fenster bewegten sich ein paar Gestalten, zwischen denen trichterförmige Gegenstände hin- und hergingen. Ab und zu knallte es laut auf, dann gab es ein Mordsgelächter. Das war ganz klar Meiers Wohnung.

Hammerschmidt-Wandenga griff zum Feldstecher, der für derartige Fälle bereit lag und besah sich die Szene genauer.

Da tanzten welche. Am frühen Morgen! Meier selbst lag, soweit er erkennen konnte, in einer Hängematte, die zwischen zwei Kokospalmen gespannt war. Im Hintergrund kreisten große, wilde Vögel, die sich ab und zu fallen ließen, wenn sie eine Beute erspäht hatten.

Hammerschmidt-Wandenga setzte erst einmal ab, um seine Wahrnehmung zu überprüfen. Unten im Hof war alles wie sonst, jede Menge Dreck, Öllachen und graue, zerbröckelnde Häuserwände. In der Mitte standen ein paar Mülltonnen zusammen, eine von ihnen war gestürzt, und jetzt machten sich die Ratten über sie her.

Kein Zweifel, er war hellwach.

Durch das Fernglas sah er, wie in Meiers Wohnung hinten am Horizont die Sonne aufging. So ähnlich mußte es auf den Bahamas zugehen, das kannte er aus den Prospekten. Er selbst fuhr nicht gern weg. Man hörte in letzter Zeit immer häufiger, daß Leute im Urlaub wahnsinnig geworden waren.

Eine Bikinifrau, die vorn am Fenster stand und offenbar bemerkt hatte, dass er das ganze Geschehen verfolgte, gab Meier Zeichen. Im nächsten Augenblick gingen die Fensterläden zu, und es wurde schlagartig still.

Das änderte sich auch in den nächsten zwei Stunden nicht, die er mit dem Fernglas in der Hand am Fenster verbrachte. Die Angelegenheit war für ihn keineswegs abgeschlossen. Die Vorgänge in Meiers Wohnung mußten erst begriffen und verarbeitet sein, bevor er wieder zur Tagesordnung übergehen konnte.

Hammerschmidt-Wandenga verbrachte die Zeit bis zum Abend damit, die Sache von den verschiedensten Seiten her zu beleuchten, ohne dabei allerdings zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen. Diese gewaltige geistige Anstrengung war vollständig gegen seine sonstige Gewohnheit. Die Sonntagnachmittage pflegte er nämlich in der Regel so zu nutzen, dass er gemütlich durch die Innenstadt zog und dabei Scheiben einwarf. Zu diesem Zweck hatte er sich ein Sortiment erlesener und vortrefflich geeigneter Kieselsteine zugelegt, die nach Größe, Gewicht und Griffigkeit geordnet waren. Es lag auf der Hand, daß die von den Menschen verwendeten Scheibengläser oft erheblich voneinander abwichen und daher jeweils individuell behandelt sein wollten. Den oberen Etagefenstern war ohnehin nur mit Spezialsteinen beizukommen.

Aber jetzt nahmen die Vorgänge in Meiers Wohnung seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch.

In der Nacht konnte er nicht schlafen. Rastlos ging er auf und ab, trank gelegentlich eine Tasse Kaffee, um sich zu beruhigen und dachte intensiv über das Gesehene nach. Das hatte er Meier nicht zugetraut. Immer wieder blieb er am Fenster stehen, griff zum Feldstecher und suchte die gegenüberliegende Hauswand ab. Schon bald wurde ihm jedoch klar, daß er auf diese Weise nichts erreichen konnte. Er mußte die Sache anders anpacken.

Im Betrieb nahm er sich den restlichen Jahresurlaub, der ihm zustand. Auf dem Frageformular gab er als Urlaubsziel die Bahamas an. Die waren weit weg, und so hatte er Zeit gewonnen, um den Fall mit Meiers Wohnung gründlich zu studieren, falls der Chef ihm hinterher reiste und seine Angaben überprüfte.

Die Fensterläden zu Meiers Wohnung blieben auch weiterhin geschlossen. Daraus ergab sich zwingend, dass er Meier auflauern und zur Rede stellen mußte, um sich ein klares Bild von der Lage zu machen. Durch den Spion konnte er den langen Etagenflur, der direkt zu Meiers Wohnungstür führte, vorzüglich überblicken. Er setzte sich auf eine Stuhl und wartete die weitere Entwicklung gespannt ab.

Meier ließ sich Zeit. Den ganzen Nachmittag über war von ihm nichts zu sehen. Nur eine Menge wildfremder Menschen stieg das Treppenhaus auf und ab, es war ein einziges Kommen und Gehen. Hammerschmidt-Wandenga traute sich kaum, den Kaffee aufzusetzen, aus Angst, er könne etwas verpassen.

Auch am Abend saß er auf seinem Beobachtungsposten, bereits mit getrübtem Bewußtsein und verschwimmenden Blick. Dann mußte er irgendwann eingeschlafen sein.

Am frühen Morgen weckte ihn ein knarrendes Geräusch. Sofort war er hellwach. Endlich tat sich etwas.

Die Tür ging auf und Meier kam mit scheinheiliger Miene heraus. Er trug einen sorgfältig gebügelten grauen Anzug mit Schlips und Kragen, und die Haare waren seriös nach hinten gekämmt. Das war im Vergleich zu den Sachen, mit denen er in der Hängematte gelegen hatte, ein vollständig lächerlicher Aufzug. Hammerschmidt-Wandenga konnte er damit nicht täuschen.

"Meier!" zischte er und schoß aus seinem Versteck hervor. "Ich weiß alles, Meier. Da drinnen ist ein Palmenstrand!"

Der schloss gerade die Tür ab. "Na und?" sagte er nur und verschwand dann im Treppenhaus.

Hammerschmidt- Wandenga kehrte nachdenklich in seine Wohnung zurück. Die Verwegenheit, mit der Meier reagiert hatte, imponierte ihm. Damit setzte Meier ganz neue Maßstäbe.

Vom Wohnzimmerbalkon aus sah er ihn die Straße überqueren und in einen schäbigen, heruntergekommenen Fiat 500 einsteigen. Hammerschmidt-Wandenga hätte nicht gedacht, daß diese Modelle in der Wirklichkeit überhaupt noch vorkamen. Er schrieb sich das auf, denn in diesem Fall war vielleicht jede Einzelheit von Bedeutung.

Die nächsten Tage standen ganz unter dem Zeichen der Informationsbeschaffung. Abgangs- und Ankunftszeiten wurden sorgfältig notiert und Kurzcharakteristiken der Besucher, die zu Meier kamen, erstellt. Einzelne Informationslücken schlossen die Aussagen der Mitmieter, die Hammerschmidt-Wandenga der Reihe nach in ein Gespräch verwickelte. Viel kam dabei nicht heraus, und die Daten waren oft widersprüchlich, aber er hoffte, sie eines Tages so auswerten zu können, dass sie ein einheitliches Bild der Lage und eine daraus ableitbare Verhaltensstrategie ergaben. Da war jedes scheinbar noch so unbedeutende Detail wichtig.

Dem Postboten hatte er einmal geistesgegenwärtig ein ganzes Büschel Briefe, die eigentlich für Meier gedacht waren, weggerissen, war damit in seine Wohnung geflohen und hatte den Inhalt gründlich untersucht. Aus der Korrespondenz ging hervor, dass Meier vollständig sinnlose Briefe erhielt und offenbar auch solche schrieb. Das las sich etwa so:

Lieber Meier!

Mir geht es gut. Ich hoffe, dir geht es genauso gut wie mir. Vor einer Woche ging es mir nicht so gut. Aber jetzt geht es mir schon wieder besser. Auf Deine Anfrage wegen Felsenheimer kann ich sagen: Felsenheimer geht es gut. Das wundert mich jedoch nicht, denn Felsenheimer ging es immer schon gut. Er meint, dass das vorerst auch nicht nachlassen werde. Felsenheimers Frau geht es übrigens auch gut....

In diesem Stil setzte sich das über fünf lange Seiten fort. Hammerschmidt-Wandenga konnte sich gar nicht vorstellen, dass es so vielen Leuten, wie sie hier in diesem Brief genannt wurden, so ausgezeichnet gehen sollte. Dass es Meier gut ging, wußte er aber.

Am Wochenende kam Meier aus seiner Wohnung nicht heraus. Hammerschmidt-Wandenga hatte am Fensterbrett ein riesiges Teleskop installiert, um im Ernstfall nichts zu verpassen. Die Hoffnung auf einen wie immer auch bescheidenen Erfolg war immer noch nicht erloschen.

Meier aber gab ihm keine Chance, die zweifelsohne außergewöhnlichen Ereignisse in seiner Wohnung einzusehen. Die Fensterläden blieben geschlossen, und je länger dieser Zustand anhielt, desto ungeduldiger wurde er. Seine Gedanken kreisten jetzt nur noch um die Frage, wie er Meiers Wohnung unter seine Kontrolle bringen konnte, und selbst nachts beschäftigte ihn dieses Problem.

Kaum war er im Treppenhaus, da wurde auch schon die Tür heruntergelassen wie eine mittelalterliche Zugbrücke. Dann sah er Meier, der mit aufgekrempelten Hemdsärmeln an der Kurbel stand und schwitzte. Hammerschmidt-Wandenga stürzte an ihm vorbei in den offenen Wohnungsflur, der sich immer mehr ausweitete und direkt aufs Meer zuführte. Die Bikinifrauen hatten sich unter einer Kokospalme versammelt, da mußte er selbstverständlich zuerst hin...

Unerfreulicherweise brachen die Träume immer an den besten Stellen ab.

Überhaupt hatten sich die Aktionen, die er in Sachen "Meier" gestartet hatte, mehr oder weniger als Fehlschläge erwiesen. Das Palmenpflänzchen, das er sich zugelegt hatte, um mit Meier gleichzuziehen, war schon nach wenigen Tagen intensiver Pflege eingegangen. Auch der Versuch, Meiers Fiat zu rauben, scheiterte kläglich. Trotz intensiver Lektüre zu den technischen Aspekten der Sache war es ihm nicht gelungen, ihn kurzzuschließen. Hinzu kam dann noch das Erlebnis mit Sulzfisch, der ein Stockwerk tiefer wohnte, und den er eines Abends mit Sonnenbrille, geblümtem Hemd und Shorts Meiers Wohnung betreten sah. Hammerschmidt-Wandenga kochte. Tatenlos mußte er mit ansehen, wie sich dieser Wicht in Meiers Wohnung entspannte.

Die nächste Woche brachte eine unerwartete Wende. Ihm fiel auf, dass Meier von Tag zu Tag schwächer wurde. Verließ er frühmorgens die Wohnung, so wankte er mehr als dass er ging, die Krawatte war nachlässig geknüpft, die Frisur zerstört, und das Jackett hatte gräßliche Knitterfalten. Hammerschmidt-Wandenga genoss es, wie Meier das Treppenhaus hinunterstolperte; der Aktenkoffer glitt ihm oft aus der Hand, es war sehr sehenswert. Wenn Meier dann am Spätnachmittag zurückkam, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten, es war ein Wunder, dass er es überhaupt bis oben hin schaffte.

Freute sich Hammerschmidt-Wandenga auch über die raschen Fortschritte, die Meiers Verfall machte, so spürte er doch gleichzeitig, dass eine eigenartige Veränderung in Gang war. Vor dem Spiegel bemerkte er, wie sich seine Gesichtszüge allmählich verwandelten. Er wurde Meier immer ähnlicher.

Am Tag darauf kam Meier auf allen Vieren die Treppe hochgekrochen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er an seiner Wohnungstür angekommen war. Dort sackte er zusammen und begann sich erst wieder nach einer langen Weile zu regen. Stück für Stück zog er sich am Türgriff hoch, rutschte dann aber wieder ab und versuchte es aufs Neue. Hammerschmidt-Wandenga assoziierte bei dieser Szene auf Anhieb die Mathematikaufgabe mit der Schnecke, die in einen Brunnen gefallen war und sich nun zwanzig Meter an der Wand hochtasten mußte. Am Tag machte sie drei Meter, in der Nacht rutschte sie zwei Meter zurück. Die Frage war, am wievielten Tag sie oben ankam.

Nach einer halben Stunde hatte sich Meier so weit hochgearbeitet, dass er zum ersten Mal den Schlüssel ansetzen konnte. Es gelang zwar nicht sofort, aber schließlich sprang die Tür doch auf, und er krabbelte in den Flur hinein.

Hammerschmidt-Wandenga war zufrieden. Meiers Ende war in greifbare Nähe gerückt.

Es war ein Samstagmorgen, als er spürte, dass er jetzt nicht mehr beobachten brauchte. Das Problem hatte sich vollständig aufgelöst. Vor dem Spiegel bot sich ihm ein Bild, das ihn nicht sehr überraschte. Es bestand nun kein Zweifel mehr, er war Meier, und ihm war unklar, was er in dieser Wohnung, die ihm längst fremd geworden war, eigentlich noch wollte.

Im Treppenhaus herrschte große Stille. Er griff in die Jackentasche und zog den Schlüssel hervor, der jetzt ihm gehörte.

So gut wie heute war es ihm lange nicht gegangen.

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(Verfasst von: Tommy Gärtner. Verwendung - auch in Auszügen - nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors)



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