NTE-Forschung:

Bewußtsein ohne Körper

Hieronymus Bosch (1450-1516)  stellte sich vor vielen Jahrhunderten das Sterben als einen Eintritt in einen dunklen Tunnel mit einem hellen Licht am anderen Ende vor. Die NTE-Forschung der letzten 30 Jahre bestätigte seine Vermutung

 

Der uralte philosophische Streit um das Verhältnis von Sein und Bewußtsein könnte eine überraschende Wendung nehmen, wenn wir jene Erfahrungen in den Grenzbereichen zwischen Leben und Tod, die seit knapp drei Jahrzehnten von der NTE-Forschung untersucht werden, in die Diskussion miteinbeziehen. Zum Begriff: NTE ist die im deutschprachigen Raum übliche Abkürzung für "Nah-Todeserfahrung"; in der angelsächsischen Literatur NDE ("Near-Death-Experience") genannt.

Nachdem Moody 1975 mit einer Sammlung von 150 Fällen reanimierter Patienten (Menschen, die klinisch tot waren und wiederbelebt wurden) den Stein ins Rollen gebracht hatte, gründeten im Februar 1981 Kenneth Ring, Bruce Greyson und der Soziologe John Audette an der Universität Connecticut die "International Association for Near Death Studies" (IANDS), womit die systematische Erforschung dieses Phänomens begann. Inzwischen hat diese Organisation etliche Ableger in vielen europäischen Ländern, selbst in Australien, und ein Ende dieses Expansionsprozesses ist nicht abzusehen. Die Forschung reagiert mit ihrer weltweiten Organisation auf ein weltweites Phänomen. Auch in diesem Moment, in welchem ich diese Sätze in den PC eintippe, erzählen Patienten den Unfallärzten dieser Welt immer und immer wieder die gleiche Geschichte.

Wenngleich dem wissenschaftlich aufgeklärten Zeitgeist die Annahme eines materieunabhängigen Bewußtseins nicht mehr gar so abwegig erscheint wie den dogmatischen Vertretern einer mechanistischen Weltsicht noch vor fünfzig Jahren, so will man diese Annahme jedoch innerhalb der gut abgesteckten Areale des Glaubens belassen. Indessen stellt die These, Bewußtsein könne ohne Körper nicht existieren und löse sich mit dem Zerfall des Gehirns auf, selbst eine unhinterfragte, philosophische Vorannahme dar, die in die Interpretation des Universums als eine ausschließlich materielle Wirklichkeit eingeht. Gelänge es nun zu zeigen, daß es in einer stattlichen Zahl von Fällen zu einem Informationsgewinn außerhalb jeglicher sensorischen Erfahrung kommt, so könnte man die Vermutung eines körperunabhängigen Geistes von einem bloß Geglaubten in den Status eines sicher Gewußten überführen.

Die Basissequenzen einer typischen NTE dürften allgemein bekannt sein: das Verlassen des Körpers, die blitzartige Reise durch eine Art Tunnel, das Zusammentreffen mit Verstorbenen, die Begegnung mit einem Lichtwesen, unter dessen mehr oder minder direkter Regie eine Art Lebensfilm (Lebensbilanz) im Zeitraffer und in 3-D erlebt wird, schließlich die erzwungene Rückkehr in den eigenen Körper.

(Wer damit keine Vorstellung verbinden kann, mache sich auf folgender Page kundig, auf welcher große Teile von Moodys Klassiker "Leben nach dem Tod" abgedruckt sind. http://www.baraka.de/Tod/moody1.htm)

Experiencer (so werden in der NTE-Forschung die Leute genannt, die eine NTE-Erfahrung machten) erleben dabei in der Regel ein Gefühl grenzenloser Freiheit und des Friedens; ist die NTE genügend weit fortgeschritten, berichten sie, "von einem Schauer aus Licht durchflutet" worden zu sein.[1] Der Akt der Wiederbelebung hingegen, um das Schema abzuschließen, wird als ein Akt der Gewalt dargestellt: Es ist von einer "eisernen Faust" die Rede, welche die Experiencer in ihren Körper zurückgezwungen habe. Nicht selten werden die wiederbelebenden Ärzte zu ihrem Erstaunen vom Patienten mit bitteren Vorwürfen überzogen statt mit heissen Dankesbekundungen:

"Der Körper des Patienten wies schwarze Flecken auf, die darauf hindeuteten, daß das Blut nicht mehr zirkulierte. Es begann bereits, sich in den unteren Körperregionen abzusetzen. Wenn ich Elisabeth (die Tochter des Patienten, Der Philo X) nicht persönlich gekannt hätte, hätten wir,glaube ich, nicht versucht, den Mann zu reanimieren. Er war so tot, wie jemand nur sein kann. Ich hatte keine ernsthafte Hoffnung mehr, entschied aber trotzdem, so zu verfahren, als bestünde sie noch." [2]

Nach kräfteaufreibenden Prozeduren schlägt der Patient die Augen auf und teilt den erstaunten Ärzten mit: "Es war falsch von euch, mich von einem so wundervollen Ort zurückzuholen. Wenn ich wieder gehe, lasst mich." [3]

Hier eine etwas drastischere Reaktion einer Patientin:

"Plötzlich aber spürte ich, wie es mich hinunterzog und ich zurück in meinen Körper katapultiert wurde. Ich war zornig. Ich glaube, ich war noch nie zuvor so wütend! Ich schrie und tobte vor Zorn und Wut, weil ich zurückwollte." [4]

Experiencer sind felsenfest von der Realität des Erlebten überzeugt; sie selbst sprechen nicht von "Nah-Todeserfahrungen", sondern von "Nach-Todeserfahrungen":

"Es mag seltsam erscheinen, aber ich hatte wirklich nicht den Wunsch, wieder in den Körper auf dem Tisch zurückzukehren. Doch ich wurde gewaltsam zu ihm hingestossen... Ich weiß, daß ich starb, und ich würde gerne wieder sterben. Es war sehr angenehm." [5]

Nicht, daß Mißverständnisse entstehen. Ich benutze die subjektive Einschätzung der Experiencer nicht als Argument für eine mögliche objektive Realität des Erlebten. Dafür gibt es viel stärkere Argumente, die gleich noch kommen. Aber schließlich sind die Aussagen über die Authentizität des Erlebten von seiten der Betroffenen selbst ein Faktum, das man in der objektivierenden Analyse nicht unter den Tisch fallen lassen kann.

Ich möchte zugleich auch ein zweites mögliches Mißverständnis von vornherein klären. Es kommt immer wieder der Einwand, die wiederbelebten Patienten seien ja gar nicht "richtig" tot gewesen, die erfolgreiche Wiederbelebung zeige das. Deshalb schlage ich vor, zwischen "klinischem Tod" und "biologischem Tod" zu unterscheiden. "Biologisch tot" nennen wir dann jemanden, der den "point of no return" überschritten hat. Die Entscheidung darüber, ob jemand tot sei, würde dann vom Kriterium der erfolgreichen Rückkehr abhängig gemacht. Selbstverständlich können wir von dieser Gruppe der Patienten keine Auskunft mehr erhalten. Für den Begriff "klinisch tot" könnte man folgende Definition als Grundlage nehmen:

Klinischer Tod: Aufgrund eines anhaltenden Herz-Kreislauf- und Atemstillstandes, d.h. aufgrund nicht feststellbarer Herztätigkeit, fehlender Pulse, blaßgrauer Zyanose oder Leichenblässe der Haut und der Schleimhäute, Lichtstarre der weiten Pupillen und Areflexie festgestellter Tod. Kriterien des eingetretenen Hirntodes: weite lichtstarre Pupillen, zerebrale Areflexie (spinale Reflexe oft erhalten), Null-Linie im EEG, Kreislaufstopp in Vertebralis und Karotiden (angiographisch nachzuweisen vor Organentnahme für Transplantation).

Roche Lexikon Medizin

Ich möchte nun nicht die These vertreten, daß diese Patienten, die vom Arzt bereits für tot erklärt wurden, auch tatsächlich "tot" waren und mithilfe der modernen Wiederbelebungstechnik ins Leben zurückgerufen wurden. Das wäre viel zu anstrengend. Sondern man könnte sich ganz pragmatisch auf folgende Aussagen einigen:

"Zum Zeitpunkt y war Person X im medizinisch definierten Sinne (s.o.) tot. Zum Zeitpunkt y+n war Person X im medizinisch definierten Sinne wieder lebendig."

Dabei ist "n" eine Zeitvariable. In der Medizin geht man davon aus, daß 5 Minuten nach erfolgloser Reanimationsbemühung der biologische Organismus bereits so sehr geschädigt ist (die Gehirnzellen sterben aufgrund von Sauerstoffmangel ab), daß wir es bei einer glückenden Wiederbelebung nur noch mit einem willens- und bewußtseinsleeren Körper zu tun haben, der sich nie wieder regnerieren wird. Allerdings gibt es dabei auch wiederum erstaunliche Ausnahmen- seltene Fälle, in denen Patienten 20 Minuten nach der Feststellung des klinischen Todes zurückgeholt wurden und dann auf unerklärliche Weise völlig gesundeten.

Wir schauen uns jetzt einmal an, was die Patienten, die von sich behaupten, ihren Körper verlassen zu haben, eigentlich sehen.Dabei beziehe ich mich nur auf die erste typische Phase einer NTE, da eine Besprechung der weiter oben genannten Basissequenzen für die Vertretung meiner These vom körperlosen Geist nicht einmal erforderlich ist. Beispiele:

"Klar und deutlich bot sich mir mein Körper dar, wie er da unten ausgestreckt auf dem Bett lag, um das sie alle herumstanden. Eine Krankenschwester hörte ich sagen: "O Gott, sie ist tot!", während eine andere sich hinunterbeugte, um mir Mund-zu Mund-Beatmung zu geben. Dabei blickte ich ihr auf den Hinterkopf, auf ihr ziemlich kurzgeschnittenes Haar. Den Anblick werde ich nie vergessen. Und dann kamen sie mit ihrer Maschine an, und ich sah, wie sie mir die Elektroden auf die Brust setzten. Als sie mir den Schock gaben, konnte ich sehen, wie mein Körper förmlich vom Bett in die Höhe schnellte, und ich hörte sämtliche Knochen darin knacken und rucken. Das war wirklich furchtbar! Als ich sie da unten auf meinen Brustkorb klopfen und meine Arme und Beine reiben sah, dachte ich: "Warum geben sie sich bloß so viel Mühe, wo es mir doch so gut geht!" [6]

"Dort lag mein Körper auf dem Tisch, und ich schwebte darüber und beobachtete alles wie in einem Film. Es war sehr realistisch. Ich konnte tatsächlich durch die Wand des Kreißsaales hindurchgleiten und schwebte nach unten durch die Räume des Krankenhauses. Ich weiß gar nicht, wie ich eigentlich aussah. Ich glaube, ich war eine durchsichtige Wolke, doch ungeachtet meines Äußeren schien niemand zu bemerken, daß ich ganz nahe an ihnen vorbei durch die Luft schwebte. Ich nehme an, ich war für sie unsichtbar, obwohl ich selbst sie sehr gut sehen und hören konnte." [7]

"Ich bekam nach der Geburt meiner Tochter sehr starke Blutungen und war gleich von medizinischem Personal umringt, das sich um mich kümmerte. Ich hatte große Schmerzen. Dann waren die Schmerzen plötzlich vorbei, und ich schaute auf die hinunter, die sich an mir zu schaffen machten. Einen Arzt hörte ich sagen, er könne den Puls nicht mehr finden. Als nächstes ging ich durch einen Tunnel hinauf auf ein helles Licht zu. Aber ich kam nie an das Ende des Tunnels. Eine sanfte Stimme sagte mir, daß ich zurückkehren müsse. Dann traf ich einen lieben Freund, einen Nachbarn aus der Stadt, aus der wir weggezogen waren. Auch er sagte mir, ich solle umkehren. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen, knallte ich aufs Krankenbett auf, und die Schmerzen waren wieder da. Nun wurde ich schnellstens in den Operationssaal gefahren, wo man die Blutungen operativ zum Stillstand bringen wollte. Erst Wochen später fand mein Mann, daß es mir wieder gut genug ging, um mir´s sagen zu können: Der liebe Freund dort in der anderen Stadt war an dem Tag, als meine Tochter geboren wurde, bei einem Autounfall tödlich verunglückt." [8]

"Ich hatte das Gefühl, daß diese Gestalt nichts anderes war als ein Geist. Ich war kein Körper, nur ein Rauchfaden oder ein Dampfschleier. Es sah am ehesten noch aus wie die Wolken von Zigarettenrauch, die um eine Lampe herum schweben. Die Gestalt, zu der ich wurde, hatte allerdings Farben. Da gab es Orange, Gelb und einen Farbton, den ich nicht genau bestimmen kann - ich sah es als Indigo an, eine bläuliche Nuance." [9]

"Plötzlich bemerkte ich, daß ich mich auf dem Operationstisch sehen konnte! Ich wußte, daß es Komplikationen gab, denn alle schienen sehr betroffen darüber, daß sie meinen Herzschlag nicht reaktivieren konnten. Es war ein merkwürdiges Gefühl, auf den eigenen Körper herabblicken zu können, aber ich hatte keine Angst. Während ich dem Geschehen zusah, trieb ich einem strahlenden Licht entgegen. Es war sehr hell, aber ich hatte keine Angst, weil ich wußte, daß das Licht mich nicht verletzen würde. Eine Zeitlang umhüllte es mich, dann verband es sich irgendwie mit meinem Körper. Es war ein wundervolles Gefühl." [10]

"Trotz der Vollnarkose bemerkte sie plötzlich, wie sie über den Ärzten schwebte und deren Arbeit beobachtete. Sie konnte genaue Einzelheiten wiedergeben: zum Beispiel den Einsatz bestimmter Instrumente, vor allem aber die Tatsache, daß einer der Ärzte Rechts- und der andere Linkshänder war." [11]

 

So könnte ich noch ewig weitermachen, möchte aber auch nicht, daß Sie vorzeitig einschlafen. Wichtig ist folgendes: Die Experiencer wohnen ihrer eigenen Wiederbelebung bei und zwar nicht aus der Perspektive eines B e t e i l i g t e n, sondern aus der Perspektive eines B e o b a c h t e r s. Es sind äußerst präzise und detaillierte Beobachtungen, deren Richtigkeit nachher von den beteiligten Ärzten und Krankenschwestern bestätigt wurde. Die Patienten verfügen über Informationen, die sie eigentlich gar nicht haben dürften. Die nur einer haben kann, der die Geschehnisse unten im OP aus der Vogelperspektive des Beobachters verfolgt hat. Oft sind die behandelnden Ärzte fassungslos, wenn sie nachher von ihren Patienten zu hören bekommen, wer was wo, wie und wann gemacht hat.

"Er wollte mir nicht glauben. Also erzählte ich ihm die ganze Geschichte von dem Moment an, in dem ich aufhörte zu atmen, bis zu dem Zeitpunkt, in dem ich wieder zu mir kam. Er war echt geschockt, als er hörte, daß ich alles und jedes wußte, was wirklich geschehen war. Er wußte nicht so recht, was er darauf sagen sollte, aber er ist noch mehrere Male in mein Zimmer gekommen und hat mich nach verschiedenen Einzelheiten ausgefragt." [12]

Ich erspare mir jetzt aus Platz- und Zeitgründen die Darstellung der unzähligen Fälle, in denen die Betroffenen sich während ihrer Wiederbelebung mit ihrem Bewußtsein durch das Krankenhaus bewegten und nach erfolgter Wiederbelebung sowohl die Gespräche der verzweifelten Angehörigen, die vor dem OP warteten, als auch Vorgänge auf anderen Stationen detailliert wiedergaben. Nur eines von vielen Beispielen bringe ich im folgenden, den Rest bitte ich mit Hilfe der von mir ausgewiesenen Textstellen selbst nachzulesen. Moody und Morse berichten zudem von Fällen, in denen die Experiencer im außerkörperlichen Zustand ihre Familienangehörigen zuhause aufsuchten, und nach der NTE präzise die Vorgänge in der elterlichen Wohnung beschreiben konnten.[13]

"Ich schaute hinab auf die Krankenschwestern, die zu meinem Körper geeilt waren. Es waren drei. Eine fühlte meinen Puls und schrie: "Holt einen Arzt! Holt ihren Ehemann!" Fast im selben Moment erschien ein Arzt, der nach einer kurzen Untersuchung sagte: "Sie stirbt." Ich konnte auf den Gang hinausgehen und dort meine Tante sehen. Sie arbeitete als Krankenschwester im Krankenhaus und unterhielt sich vor meinem Zimmer mit einigen Patienten von nebenan. "So ein Jammer", sagte sie. "Sie war eine so gute, junge Mutter." Es verwirrte mich, daß sie in der Vergangenheit von mir sprach. Ich versuchte, mit ihnen zu reden. Ich wollte ihnen sagen, daß ich noch da war, aber ich konnte mich ihnen nicht verständlich machen. Es war mir sogar möglich, in das nächste Zimmer zu gehen, wo sich ein Patient über den Lärm beschwerte. Die Krankenschwester, die dort war, sagte: "Nun, nebenan geht es Paula schlecht." Dann kehrte ich rechtzeitig zu meinem Körper zurück, um meinen Mann zu sehen, der gerade gekommen war. Er schaute den Arzt an und sagte: "Was soll ich nur den Kindern sagen?" Ich dachte, daß ich wahrscheinlich tot war. Ich wollte ihnen mitteilen, daß ich anwesend war, ihnen zuhörte und sie beobachtete, aber es war mir nicht möglich, mich irgendwie verständlich zu machen." [14]

Gibt es nun für ein derart empirisches Wissen jenseits aller sensorischen Erfahrung eventuell eine alternative Erklärung als die, welche alle Reanimierten übereinstimmend angeben, nämlich, ihren Körper verlassen zu haben?

Der skeptische Kardiologe Michael Sabom hat die Schilderungen der Experiencer einer kritischen Analyse unterzogen, um herauszufinden, inwiefern sie mit den tatsächlichen Ereignissen, die während der Reanimation stattfanden, übereinstimmen. Er mußte folgendes (für ihn) ernüchternde Fazit ziehen:

"Die Einzelheiten dieser Wahrnehmungen wurden in allen Punkten als korrekt festgestellt, wo gemeinsame Beweise verfügbar waren. Darüber hinaus schien es keine plausible Erklärung für die Genauigkeit dieser Beobachtungen mit den üblichen fünf Sinnen zu geben. Ein außerkörperlicher Mechanismus würde sowohl die persönliche Interpretation erklären, die diesen Erlebnissen von denen gegeben wurde, die sie hatten ( "der Geist verließ den Körper"), als auch die visuelle Genauigkeit der autoskopischen Beobachtungen. Meine eigene Überzeugung in dieser Angelegenheit tendiert in diese Richtung. Die Hypothese der Außerkörperlichkeit scheint einfach am besten zu den vorhandenen Daten zu passen." [15]

Neben Michael Sabom, Margot Grey, Melvin Morse und Paul Perry hat auch Kenneth Ring derartige Untersuchungen vorgenommen, die er "Untersuchungen zum Wahrheitsgehalt" nennt. [16] Dazu gehört etwa der bestens dokumentierte Fall, daß sich eine Patientin während ihrer NTE außerhalb des Krankenhauses aufhielt und auf einem Fenstersims der dritten Etage einen Tennisschuh liegen sah, der jeglicher Sichtbarkeit entzogen war. Eine Überprüfung bestätigte die NTE-Beobachtung, und "die einzige Möglichkeit, wie sie diesen Tennisschuh so sehen konnte, war, außerhalb des Gebäudes und unmittelbar in Höhe dieses Schuhs zu schweben." [17].

Experiencer unternehmen in ihrem neuen, körperlosen Zustand nicht selten den Versuch, sich mit dem anwesenden Ärztepersonal zu verständigen, zuweilen versuchen sie auch, in den Reanimationsvorgang einzugreifen und ihn zu unterbrechen. Daß sie dabei keinerlei physikalische Einwirkung erzielen, zeigt die Andersartigkeit der Realitätsebene, auf der sie sich befinden und die ich "Welt X" nennen möchte. Sie selbst können sehen, werden aber nicht gesehen. Moody schreibt:

"Diese Erfahrung wurde mir von einer Frau berichtet, die ich selbst wiederbelebt habe. Ich sah, daß sie einen Herzstillstand hatte, und begann sofort mit der Herzmassage. Die Frau berichtete mir später, sie sei, während ich mich bemühte, ihr Herz wieder zum Schlagen zu bringen, über ihrem Körper aufgestiegen und habe hinuntergeblickt. Sie habe hinter mir gestanden und versucht, mir zu sagen, ich solle aufhören, es gehe ihr prächtig, da wo sie jetzt sei." [18]

Schließlich versucht sie, Moody am Arm zu packen, um eine Veneninjektion zu verhindern- und geht durch ihn hindurch. Ähnliches passiert auch anderen Experiencern:

"Aus allen Richtungen kamen die Leute zur Unfallstelle herbeigeströmt. Ich sah sie genau. Ich war in der Mitte eines schmalen Gehweges. Also auf jeden Fall gingen sie da an mir vorbei und sahen mich offensichtlich überhaupt nicht. Sie liefen einfach weiter und schauten stur geradeaus. Sowie sie ganz dicht herankamen, versuchte ich jedesmal, mich zur Seite zu drehen, um sie vorbeizulassen - aber sie liefen doch tatsächlich durch mich hindurch!" [19]

Das Höchsterstaunliche ist, daß NTE-Forscher immer wieder auf Patienten stoßen, die überhaupt keine optischen Eindrücke haben dürften. Ich meine damit die Gruppe der Erblindeten und blind Geborenen, die nach ihrer Reanimation mit genau der gleichen Präzision Auskunft über die Vorgänge während der Wiederbelebung geben können wie die Sehenden. Kübler-Ross schreibt:

"Wir haben eine ganze Reihe von völlig Erblindeten nach ihren NTE-Erlebnissen befragt. Sie waren nicht nur fähig, uns zu sagen, wer das Zimmer zuerst betreten oder wer die Wiederbelebung durchgeführt hatte, sondern sie konnten uns mit aller Genauigkeit das Aussehen und die Kleidungsstücke aller Anwesenden beschreiben, eine Fähigkeit also, über die völlig Erblindete auf keinen Fall verfügen." [20]

Die Sehfunktion ist im Zustand der Außerkörperlichkeit keineswegs an den Sinnesapparat und an das verarbeitende Gehirn gebunden, sondern findet losgelöst und unabhängig vom physischen Körper und unabhängig von neurobiologischen Prozessen im Gehirn statt. Sehen ohne Augen? Hören ohne Ohren? Diese Vorstellung scheint für den normalen Alltagsverstand eine Zumutung zu sein.Wie aber sollten Blinde an diese optischen Informationen gekommen sein? Könnten Blinde aus ihrer Erinnerung, als sie noch sehen konnten, schöpfen und daraus dann die aktuellen Sinneseindrücke nur "ableiten"?

Würden diese Personen nur allgemeine optische Eindrücke wiedergeben etwa in der Form: "Da waren ein Haufen Ärzte und Krankenschwestern, und sie machten sich an meinem Körper zu schaffen, um ihn wiederzubeleben", so könnte der Skeptiker sich gerade noch retten in die Ausrede: "Naja, der Patient hat irgendwann früher im Fernsehen mal eine Wiederbelebung gesehen und reproduiert nun diese Erinnerung als aktuelle Wahrnehmung." Was aber, wenn Blinde Vorgänge und Instrumente beschreiben, die sie nachweislich noch nie gesehen haben konnten? Schauen wir uns dazu den von Moody mitgeteilten Fall einer 70jährigen an, die nach einem Herstillstand reanimiert wurde.

"Diese Frau war seit ihrem achtzehnten Lebensjahr blind. Sie konnte nicht nur beschreiben, wie die angewendeten Instrumente aussahen, sondern sogar ihre Farbe angeben. Das Erstaunlichste für mich war, daß es die meisten dieser Instrumente noch gar nicht gab, als diese Frau vor über fünfzig Jahren das Augenlicht verlor. Und die Krönung war, daß sie sogar wußte, daß der Arzt einen blauen Anzug anhatte, als er mit der Reanimation begann." [21]

Kenneth Ring hat 1998 mit seiner Forschergruppe die NTEs von 31 Blinden (14 davon waren von Geburt an blind) untersucht und stellte fest, daß sie sich in keiner Weise von den NTEs Sehender unterschieden.[22] Das Problem, wie ein Sehen ohne Augenlicht erklärbar ist, tritt hier und besonders bei den blind Geborenen, penetrant in den Vordergrund:

"Die Frage ist natürlich: W i e konnte sie sehen? Und zu fragen ist nicht nur, wie Nancy sehen konnte, sondern auch wie die anderen Blinden in unserer Studie sahen, was sie mit Sicherheit nicht physisch sehen konnten.Während die Beweise, die ich in diesem Abschnitt anführte, nahelegen, daß das von den involvierten Personen Gesehene jeweils genau den Fakten entsprach und nicht etwa auf Erfindungen, Rekonstruktionen, Raten oder Phantasie beruht, bleibt das Paradoxon unserer Entdeckung ungeklärt." [23]

Ein Paradoxon freilich nur aus materialistischer Sicht, innerhalb derer optische und akustische Eindrücke notwendig an die Physis rezipierender Sinnesorgane gekoppelt sind. Die NTE-Forschung kann aber zeigen, daß sensorische Erfahrungen unabhängig und außerhalb des Körpers gemacht werden, die sich nachträglich verifizieren lassen. Das Paradoxon reiche ich an dieser Stelle weiter an alle Interessierten.

Den Versuch, die aufgezeigten Phäomene mittels der ASW-These (Außersinnliche Wahrnehmung) wegzurationalisieren, halte ich indessen für vergeblich. Die ASW-These weist etliche gravierende Schwächen auf:

1) müßte sie erklären, wie es zu einer derartigen Explosion von ansonsten in unserer soziokulturellen Lebenswelt nur sporadisch auftretenden PSI-Aktivitäten während einer NTE kommt

2) müßte sie zeigen, daß PSI eine universale Kraft sei, die nicht bloß bei Sensitiven auftritt, sondern quasi orts-und zeitunabhängig wirkt, also eine gattungsspezifische Konstante darstellt.

Zahlreiche Untersuchungen haben ferner ergeben, daß in ASW-Ereignissen die Wirklichkeit nur partiell wiedergegeben und durch Verzerrungen, Verschiebungen, Umformungen und symbolische Inhalte überlagert wird (Rhine/C.Green/C.McCreery). Die ASW-These müßte also

3) den Widerspruch erklären zwischen dem luziden Charakter der NTE-Erlebnisse und den symbolisch gebrochenen, verzerrten und oft fragmentarischen Informationen, die durch Telepathie oder Hellsehen gewonnen werden.So gelang zwar vereinzelten Versuchspersonen bei den klassischen Telepathie-Experimenten, die Rhine mit den sogenannten "Zener-Karten" durchführte, eine Trefferqote, die signifikant über der Durchschnittswahrscheinlichkeit lag [24] ; bei NTElern aber ist diese Trefferqote 100%, wie die oben zitierte Untersuchung von Sabom zeigt. Außerdem- und das ist das stärkste Argument gegen eine telepathische Anzapfung fremder Bewußtseine- zeigen etliche Beispiele ein Bewußtsein auf, das sich während der Reanimation nicht nur außerhalb des OPs,sondern auch in weit entfernten Arealen unserer Erfahrungswelt aufhält. Man müßte schon als "deus ex machina" einen universalen telepathischen Zusammenhang einführen-oder eine "Theorie der Synchronizität" unterstellen, wie sie Pauli und Jung formuliert haben. Zwar stellt diese Theorie wohl, wie Koestler formuliert, "die deutlichste Absage an die mechanistisch- wissenschaftliche Weltanschauung unserer Zeit" dar [25]; sie kann aber trotzdem die präzisen Informationen der Experiencer während ihres klinischen Todes nicht einmal ansatzweise erklären.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir müssen uns von der jahrhundertelang gepflegten Vorstellung verabschieden, daß sinnliche Wahrnehmungen an einen Sinnesapparat gebunden sind und Denkprozesse an biochemische Vorgänge im Gehirn. "Geist" oder "Bewußtsein" existieren und funktionieren unabhängig und außerhalb des Körpers. Die These,daß es sich bei diesen Erlebnissen um Träume oder Halluzinationen handelt, kann spätestens ab Mitte der 80er Jahre als widerlegt gelten. Wird sie dennoch vertreten, so hat das wahrscheinlich andere Gründe:

"Jeder, auch ein Skeptiker, der sich mit NTE beschäftigt, wird sehr schnell den Gedanken aufgeben, daß es sich um Träume handle. Es gibt so viele Aspekte dieser Erfahrung, die traumunähnlich sind, wie der Zustand der Entkörperlichung, in dem Dinge sich verifizieren lassen, daß die Traumhypothese letztlich unhaltbar ist. Leute, die an NTE einfach nicht glauben wollen, bezeichnen sie als Traum - es ist eines ihrer letzten Ausweichmanöver, sie benutzen das als Epitheton, als Ausdruck der Distanzierung." [26]

Die nachträgliche Bestätigung der Beobachtungen, die Experiencer (mit EEG-Nullkurve) während ihrer NTE machten, zeigt, daß es sich bei diesen Erfahrungen nicht um neurobiologische Artefakte eines sterbenden Hirns handeln kann. Die materialistische These, Bewußtsein sei ein Epiphänomen, gleichsam ein Nebenprodukt eines blinden und ungerichteten Evolutionsprozesses, scheint mir längst nicht mehr haltbar zu sein.

Vielleicht reagieren deshalb die Vertreter eines materialistischen Weltbildes so gereizt, weil sie spüren, daß die Erosionsprozesse der Fundamentalannahme "Kein Geist ohne Körper" bereits eingesetzt haben. So abwegig scheint mir die Vermutung nicht zu sein, daß wir uns in dieser Beziehung an der Schwelle zu einem Paradigmenwechsel befinden könnten.

(Verfasst von: Tommy Gärtner. Verwendung - auch in Auszügen - nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors)

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[1] Raymond A. Moody, Das Licht von drüben, Reinbek bei Hamburg 1994 , S.27

[2] David Wheeler, Journey to the Other Side, New York 1977, S.97

[3] a.a.O., S.106

[4] Evelyn E. Valarino, Erfahrungen an der Schwelle des Todes, Genf 1995, S.55

[5] Ian Currie, Niemand stirbt für alle Zeit, München 1993, S.187

[6] Raymond A. Moody, Leben nach dem Tod, Reinbek bei Hamburg 1977, S.42

[7] Ian Currie, a.a.O., S.186

[8] E.E. Valarino, a.a.o., S.45f.

[9] Raymond A. Moody, Leben nach dem Tod, a.a.O., S.110

[10] Melvin Morse/Paul Perry, Zum Licht, München 1994, S.142

[11] Morse/ Perry, a.a.O., S.114

[12] Raymond A. Moody, Leben nach dem Tod, a.a.O., S.107

[13] Morse/ Perry, a.a.O: S.17ff./42/48/51/114ff./127/128/134f./161/175ff./189; Raymond A. Moody, Das Licht von drüben, S.32ff.

[14] M.Morse, S.161f.

[15] Michael Sabom, Erinnerungen an den Tod: Eine medizinische Untersuchung. München 1983, S.184; zum gleichen Ergebnis kommt auch eine Studie von Margot Grey ("Rückkehr aus dem Reich der Toten")

[16] Kenneth Ring/ E.E.Valarino, Im Angesicht des Lichts Kreuzlingen/München 1999, S.82ff.

[17] Kenneth Ring/ E.E.Valarino, a.a.O., S.84.

[18] Raymond A.Moody, Das Licht von drüben, a.a.O., S.24

[19] E.E.Valarino,a.a.O., S.51

[20] Elisabeth Kübler-Ross, Über den Tod und das Leben danach, Güllesheim 2002, S.60

[21] Raymond A. Moody, Das Licht von drüben, Reinbek bei Hamburg 1994, S.175

[22] Kenneth Ring/ E.E.Valarino, Im Angesicht des Lichts, Kreuzlingen/München 1999, S.90ff.

[23] a.a.O., S.106

[24] J.B. Rhine, Die Reichweite des menschlichen Geistes, Stuttgart 1950

[25] A.Koestler, Die Wurzeln des Zufalls, Ffm 1977,S.83

[26] Kenneth Ring in: E.E. Valarino, Erfahrungen an der Schwelle des Todes, Genf 1995, S.108

                                                                                                                                 

 



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