Angst

 

, durch hervorragende Leistungen glänzen und am Ende ihn, Steiner, ausstechen und verdrängen....

Wenn der Neue in diesem Stil

Das Telefon klingelte lange in dem dunklen Zimmer, ehe sich schlürfende Schritte vom Flur her näherten. Die Tür ging auf, und jemand machte Licht.

"Nein, davon weiß ich nichts", sagte Steiner verstimmt in den Hörer hinein. "Kampe hat dazu die Unterlagen. mit dem sollten Sie sich...Nein, ich komme auch gerade erst von der Sitzung. Die Daten? Selbstverständlich stimmen die....Dazu habe ich jetzt keine Zeit.....Wie bitte? Ja machen Sie das. Wiederhören."

Steiner legte den Hörer verärgert auf und ließ sich ins Polster sinken.

Dieser Mensch, der Neue aus der Nachbarabteilung...war der noch normal? Warum gab er nicht Ruhe nach Dienstschluß, wie die anderen auch? War dieser geradezu fanatische Übereifer, dieser manische Zwang, alles perfekt und noch perfekter zu machen, tolerierbar? Oder war eine ganz bestimmte Absicht im Spiel? Vielleicht wollte der Mann seine Position ausbauenweitermachte, mußte Steiner beizeiten geeignete Gegenmaßnahmen treffen, um den Mann zu stoppen oder gar ganz zu beseitigen, soviel war ihm klar.

Solchen Gedanken nachhängend, döste Steiner eine ganze Weile vor sich hin, bis er mit einem Mal erkannte, daß es um ihn herum dunkel geworden war. Er sah die eigene Hand vor den Augen nicht, so groß war die Finsternis, die sich im Raum ausgebreitet hatte. Sicherlich handelte es sich um einen Stromausfall, wie so oft in letzter Zeit. Das konnte schon einige Minuten dauern.

Steiner gefiel es nicht, so im Dunklen, es hatte ihm noch nie gefallen. Er fühlte sich unwohl; er, allein, wie ein ausrangierter Waggon auf dem Abstellgleis. Nur er und das große, stille Haus.

Im nächsten Moment hörte die Standuhr im Zimmer auf zu schlagen. Daran war mit Sicherheit Laura schuld, die ihren häuslichen Angelegenheiten nur sehr mangelhaft nachkam und sich stattdessen auf der Bühne herumtrieb, um dort Rollen für irgendwelche Kriminalkomödien einzustudieren.

Die darauffolgenden Minuten blieb es still. Steiner merkte deutlich, wie das Unbehagen wuchs. Jetzt mußte etwas geschehen.

Er wollte schon aufstehen und sich zur Tür vortasten, als er im Flur näherkommende Schritte zu hören glaubte. Wahrscheinlich Laura, die um diese Zeit immer von der Theaterprobe kam. Steiner lauschte angestrengt, aber jetzt war wieder alles vollkommen still.

Er wußte nicht, wie lange er nur dagesessen und zur Tür gestarrt hatte, bis er schließlich ein leises Knarren hörte und einen frischen Luftzug auf seiner Haut spürte.

"Laura?" fragte er mit etwas zittriger Stimme ins Dunkle hinein.

Niemand antwortete. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte er eine Gestalt wahrzunehmen, die dann aber sofort wieder untergetaucht war.

Steiner schluckte. Da war jemand. Jemand, der jetzt vielleicht auf ihn zuschlich...

In den Teppich. Lass dich in den Teppich gleiten. Und nun nimm Deckung. Nur kein Geräusch machen. Abwarten.

Steiners Puls schlug schneller, je länger er wartete. Seine Augen durchsuchten das dunkle Zimmer rastlos nach Anhaltspunkten, ohne jedoch mehr als nur vage Umrisse zu erkennen.

Ein leises Kratzgeräusch kam irgendwoher her. Er fühlte, wie eine jähe Hitzwelle in ihm aufstieg. Sein Herz raste nun wie wahnsinnig.

Von hinten. Wenn er von hinten herankommt. Vielleicht steht er schon da...

Steiner wandte sich mit einem Ruck um. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er ins Dunkle hinein. Nun knackte es hinter dem Sofa...

Den Atem anhalten. Sich klein machen.

Schweißperlen traten ihm auf die Stirn.

Hier bist du nicht sicher. Du mußt die Wand erreichen. Kriech zur Wand hin.

Steiner tastete auf allen Vieren den Teppich entlang, darauf gefasst, jeden Augenblick in einen gräßlichen Entsetzensschrei auszubrechen.

Jetzt ja nirgendwo anstoßen.

Er schlängelte sich zwischen zwei Polstersesseln hindurch, umkrabbelte die große Stehlampe, hielt von Zeit zu Zeit in äußerster Spannung an und lauschte, ob sich in der Dunkelheit etwas tat.

Nach einer Ewigkeit stieß er auf etwas Kaltes, Glattes. Das war die Wand. Gott sei Dank. Steiner lehnte sich erschöpft zurück. Die Kleider klebten ihm am ganzen Körper.

Da hörte er neben sich ein Schaben. So, als wenn jemand mit dem Messer an der Wand entlangging. Jetzt wiederholte sich das Schaben, allerdings wesentlich näher.

Steiner erstarrte. Gedankenfetzen schossen ihm durch den Kopf.

Mit einem Wahnsinnsschrei aufspringen und zur Tür durchbrechen. Oder auf den Angreifer zu. Oder auf die Knie fallen und um Gnade bitten.

Dazwischen immer wieder die Vision eines aufblitzenden Messers, das wie ein zuhackender Vogelschnabel auf ihn niederfuhr.

Steiner brauchte einige Zeit, bis er sich aus seiner Starre gelöst hatte. Ihm war fast schlecht vor Angst. Wie im Traum schlängelte er jetzt an der kalten, unendlichen Wand entlang. Dicht hinter sich vernahm er ein scharfes, rhytmisches Atmen, und er spürte einen eisigen Windzug in seinem Nacken.

Das Tempo beschleunigen. Mach, daß du wegkommst.

Aber es ging nicht mehr weiter. Die Wand war hier zuende. Steiner begann zu zittern und sich wie ein Insekt zu krümmen. Immer tiefer drückte er sich in die Ecke, als könne die Wand ihn aufnehmen und verschwinden lassen.

Da blitzte es auf. Steiner schwanden die Sinne. Jetzt fuhr das Messer auf ihn herab...

 

"Was machst du denn da?" fragte Laura, die das Licht eingeschaltet hatte und das Treiben ihres Mannes aufmerksam verfolgte.

"Ach...ach nichts, nichts weiter", sagte Steiner und begann sich umständlich aus seiner Ecke zu erheben. "Nur ein kleiner Schwächeanfall. Alles in Ordnung."

Steiner strich seinen mit Teppichflusen angereicherten Anzug glatt, rückte die zerknitterte Krawatte zurecht und fuhr sich mit der Hand durch die zerstörte Frisur.

"Ich hatte heute einen anstrengenden Tag im Büro. Ich werde wohl besser gleich schlafen gehen."

"Ja, mach das", sagte Laura. "Ich auch."

Sie schüttelte nur noch ein paar Sofakissen auf und rückte die beiden Polstersessel in ihre Ausgangsposition. Dann verließ auch sie das Zimmer. Das Licht ging aus und die Tür schloß sich.

Jetzt verfiel das dunkle Zimmer wieder in ein langes, gleichbleibendes Schweigen, das nur durch die Verkehrsgeräusche den angrenzenden Straße hin und wieder unterbrochen wurde.

 

(Verfasst von: Tommy Gärtner. Verwendung - auch in Auszügen - nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors)

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